Vom „Masel Tov“ ins Vernichtungslager

Die ergreifende Liebe eines jüdischen Schuhhändler-Ehepaars: Der Weg von Max und Emma Michaelis führt über Kulmbach in das KZ Theresienstadt und nach Auschwitz. Der Urenkel seiner Schwester ist durch Zufall nach Kulmbach gekommen.

VON WOLFGANG SCHOBERTH

 Ob sie sich in die Arme gefallen sind? Gar geküsst haben? Am 23. April 1919 steht eine nicht mehr so junge Frau auf dem Kulmbacher Bahnsteig und erwartet einen Mann, der von Berlin kommt: Max Michaelis. Fast 50 Jahre hat er auf dem Buckel und einige wohl, die doppelt zählen: Er hat den Verlust des ersten Kindes, Arthur, zu verkraften, das mit zehn Jahren stirbt. Zwei Jahre später (1907) stirbt auch seine Frau Berta und lässt ihn mit den drei Töchtern zurück. Danach heiratet er Nanny Moses. Sie zieht die Mädchen liebevoll auf, bis auch bei ihr der Tod nach wenigen Ehejahren zuschlägt.

Jetzt also Emma Lump. Als 38-Jährige ist sie kein Naivchen mehr, sondern eine reife, lebenserfahrene Frau. Die Tochter eines jüdischen Viehhändlerehepaars aus Wüstensachsen bei Fulda ist ausgebildete Krankenschwester. 1907 ist sie nach Kulmbach übergesiedelt.

Grabstein Hannchen Lump

Doch hier geht sie nicht ihrem erlernten Beruf nach, sondern betreibt, erst im Kressenstein 8, später in der Langgasse 19, zusammen mit ihren Schwestern Klara und Regina ein „Putzgeschäft“ - eine Boutique für Damenhüte. Die Wohnung haben die drei für ihre Zeit höchst emanzipierten „Modistinnen“ am Kressenstein 12, einem stattlichen Neobarockbau.

 

Das Domizil bietet auch Platz für ihre betagte Mutter, Hannchen Lump, die seit 1913 verwitwet ist und die letzten Jahre bis zu ihrem Tod 1915 bei den Töchtern verbringt.

Jetzt also der erste Mann in der Damen-Etage, einquartiert mit Sack und Pack. Wo sich die beiden, Max und Emma, kennen gelernt und ihre Liebe entdeckt haben, wird ein ewiges Rätsel bleiben. Jedenfalls: Getuschel und Gerede sollen in dem 12 000-Einwohner-Nest gar nicht erst aufkommen: Geheiratet wird blitzartig, eine knappe Woche nach der Ankunft. Emma muss den Coup langfristig vorbereitet haben. Sie muss den Rabbiner und den Minjan (das Aufgebot, bestehend aus zehn erwachsenen Männern) bestellt haben. Sie muss die drei Dutzend jüdischen Gemeindemitglieder – kleine Geschäftsleute und Viehhändler allesamt - und die „Mischpoke“, die weitverzweigten Verwandten, eingeladen haben.

Cafe Beyerlein in Kulmbach

Die „Chuppa“ findet am 29. April 1919 im Betsaal der jüdischen Gemeinde, im Rückgebäude des noblen Cafe Beyerleins in der Langgasse 12, statt. Es ist ein Dienstag - und an einem Dienstag soll nach altem jüdischen Brauch Hochzeit sein. Er steht für den dritten Schöpfungstag, der vom Geist des „Ki Tov“ geprägt ist („Gott sah, dass es gut war“). Der Distriktrabbiner Dr. Benjamin Falk Salomon aus Bayreuth vollzieht die Hochzeitszeremonie, unterstützt von Josef Wortsmann, dem Gemeindevorstand. Der Rabbiner segnet das Brautpaar unter der Chuppa, dem Baldachin, der ihr zukünftiges gemeinsames Dach symbolisiert. Er überreicht den mit Wein gefüllten Kidduschbecher, aus dem beide trinken. Als „Chosen“ (Bräutigam) zerstampft Max mit dem Fuß ein Glas auf Boden, die Gäste rufen ihr „Masel Tov“. Dies soll der Anfang einer Reise sein, zu dem ein guter Stern leuchten möge. Max streift seiner „Kalla“ (der „Kleinen“) einen Ring an den rechten Zeigefinger und sagt dabei: "Durch diesen Ring bist du mir angeheiligt nach dem Gesetz Moses und Israels." Danach bitten die Brautleute die Gäste zu Tisch.

Danksagung Vermählung

Die ungewöhnliche Hochzeit wird in der Öffentlichkeit sehr wohl wahrgenommen: Eine Woche später, am 7. Mai, bedanken sich die Jungvermählten mit einem großen Inserat in der Bayerischen Rundschau für die Aufmerksamkeiten.

Umstellung auf Schuhhandel

Geschäft Langgasse 19 in Kulmbach

Auftakt einer großen Altersliebe – nicht nur einer ehelichen Zweckgemeinschaft zur besseren Geschäftsabwicklung. Gleichwohl nimmt Max das Kaufmännische immer stärker in die Hand. Das Sortiment wird allmählich ausgetauscht: Hat sich die „Firma Lump“ auf Damenhüte spezialisiert, die im I. Stock von Moses Eisfelds Schuhhaus feil geboten worden sind möchte er ins Schuhgeschäft einsteigen. Die Gründe: Eisfeld ist schon hochbetagt und sucht einen Nachfolger. Zum anderen gehört er zu einer starken Schuhkette: „Freudenbergers Schuhhaus“, mit Niederlassungen in vielen großen Städten Bayerns.

Anzeige vom 24.März 1919

Jeden Monat werden Angebote von Damenhüten oder „Modellhut-Ausstellungen“ inseriert, doch Ende des Jahres ist erstmals von „Schuhwaren“ im „Schuhhaus Geschwister Lump“ die Rede. 

Der Schuhhandel floriert trotz der starken Konkurrenz von fünf weiteren Schuhläden in Kulmbach, sodass Max seine älteste Tochter Martha aus Berlin als Verkaufshilfe herbeiruft. 1931 werden sie allerdings gezwungen, das Geschäft in der Langgasse aufzugeben, weil der neue Hausbesitzer, Georg Hofmann, selbst in den Schuhhandel einsteigt. Die Michaelis ziehen in den Kressenstein um.

Anzeige vom 10.Dezember 1919

Hetze gegen Juden beginnt

Müssen sich Max und Emma um ihre wirtschaftliche Existenz sorgen, beginnt auch politisch der Kampf ums Überleben. Der Deutsch-völkische Schutz- und Trutzbund macht am 21. Oktober 1922 den Auftakt und beschmiert bei ihnen, aber auch bei Josef Wortsmann (Kressenstein 12), Bernhard Marcus (Holzmarkt 12) und Franz Weiß (Spitalgasse 2) die Ladenscheiben mit schwarzen Hakenkreuzen. Am 25. März 1924 werden die Plakate der liberalen und demokratischen Parteien mit „Jüdischer Gott“ verunziert. Sie müssen erleben, wie die „Völkischen“, später dann die Hitler-Anhänger prominente Scharfmacher aufmarschieren lassen: SA-Chef Ernst Röhm, Ex-General Erich Ludendorff, Gregor Strasser, Hans Schemm, Fritz Sauckel, Julius Streicher, den späteren Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“, Joseph Goebbels und Adolf Hitler selbst, der am 5. Februar 1928 auftritt.

Boykott der jüdischen Geschäfte am 1. April 1933 in Kulmbach: Rechts SA-Posten vor dem Eingang (Rundbogen) zum Schuhgeschäft von Max und Emma Michaelis, Kressenstein 8

Am 9. März 1933 ergreifen die Nazis in Kulmbach die Macht – der erste „Rathaussturm“ in Bayern. Drei Wochen später, am 1. April, halten SA-Rabauken am Kressenstein Kunden mit Schildern und Pöbeleien ab, den Laden zu betreten. Doch noch kapitulieren Max und Emma nicht, sie glauben an die Rückkehr der Vernunft, der Normalität.

München als trügerische Hoffnung

Doch nach weiteren drei Jahren Aufmärschen, Fahnen, Stiefeln vor der Haustür, ständigen Schikanen und einer immer schäbiger werdenden Zahlungsmoral der Kunden ziehen sie die Reißleine. Die Großstadt erscheint ihnen als Chance, anonym zu leben, den Kontrollen und Schikanen auf engstem Raum nicht so ausgesetzt zu sein. Max und Emma glauben an das „Masel Tov, an den „guten Stern“, der ihnen den Weg weist. Am 14. April 1936 setzen sie sich in den Zug nach München. Doch ihre Hoffnungen trügen, es gibt kein Entrinnen: Die erste Unterkunft in der Von-der Tann-Straße 19 wird ihnen nach wenigen Monaten gekündigt, die zweite in der Frauenstraße 40 nach vierzehn Tagen. Danach Umzug in die Dachauer Straße 4., da ihnen der jüdische Arzt Dr. Julius Elkan eine Wohnung mit Geschäftsraum angeboten hat. Kaum hat Max begonnen, ein Schuhladen einzurichten, wird ihm Mitte 1937 der Gewerbeschein entzogen. Auch der bis zu diesem Zeitpunkt am Kressenstein in Kulmbach weitergeführte Schuhladen muss aufgegeben werden. Das Angesparte ist bis zum letzten Pfennig aufgebraucht. Emma verdient die Wohnungsmiete durch Aufräumarbeiten in der Praxis von Dr. Elkan. Als im Herbst 1938 das Haus des jüdischen Arztes „arisiert“ wird, finden sie Zuflucht am Bereiteranger 15, einem Massenquartier für Juden. Emma verdient als Nachtschwester am Israelitischen Krankenhaus den kärglichen Lebensunterhalt.

Abtransport in Vernichtungslager

Am 3. Juni 1942 werden Max und Emma von Gestapo aus der Wohnung geholt. Zusammen mit anderen Juden werden sie zum Bahnhof getrieben und mit dem ersten der Deportationszüge, die von München nach Theresienstadt eingesetzt werden, in das tschechische Konzentrationslager gebracht. Am Lagereingang werden Max und Emma auseinander gerissen: Die Frauen werden in die Dresdener, Männer in die Hannoverschen Kaserne getrieben. Ob sie Abschied nehmen konnten, Max seiner „Kalla“ ein letztes Mal die Hand drücken konnte? Max übersteht das KZ nur sieben Wochen. Am 31. Juli 1942 stirbt er an Misshandlung, Unterernährung und Seucheninfektion. Emma bleibt zurück, der Lebensfunke ist erstickt. Erfahren hat sie - bei 58 000 zusammengepferchten Internierten – wohl nie Genaues über das Martyrium ihres Mannes. Fast zwei Jahre später, am 18. Mai 1944, wird Emma in das Vernichtungslager Auschwitz transportiert. Ihr Name findet sich in unter den Shoa-Opfern in Yad Vashem. Daneben ist der Name von Hertha Michaelis eingraviert, der Tochter von Max.

Passfotos

Bei den Passfotos, die in den frühen Nazi-Jahren aufgenommen worden sind, steht Max und Emma Michaelis der Überlebenskampf ins Gesicht geschrieben:

Max Michaelis (1870-1942), Emma Michaelis, geborene Lump (1881-1944)

Fotos:

Abbildungen zum Kressenstein 8 und Langgasse 19: Stadtarchiv Kulmbach

Abbildung Zeitungsannoncen: Bayerische Rundschau (Stadtarchiv Kulmbach)

Ansonsten: Fotos und Repros: W.S.

Verfasser: Wolfgang Schoberth, Gymnasiallehrer am MGF-Gymnasium, beschäftigt sich seit Jahren mit der jüdischen Geschichte von Kulmbach und hat darüber verschiedene wissenschaftliche Aufsätze und Zeitungsbeiträge verfasst und mit seinen Schülern verschiedene Projekte veranstaltet. Eine ausführliche Darstellung findet sich unter dem Titel „Die Geschichte des Judentums in Kulmbach“ (CHW-Jahresschrift Geschichte am Obermain, Bd. 18.) Über die die Entstehung der jüdischen Gemeinde informiert die Broschüre „Die Burggüter – Kulmbachs letzten Rätseln auf der Spur“ (in der Stadthalle und Plassenburg-Shop erhältlich).

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